Mediale Erinnerung & transkulturelle Kommunikation

Ob Zweiter Weltkrieg, Holocaust, die Parteidiktaturen sowjetischer Prägung, der Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs oder die Tsunami-Katastrophe und der 11. September: Erinnerungsereignisse und Geschichtsthemen füllen regelmäßig Tageszeitungen, Zeitschriften, Fernseh-Sendungen und Online-Angebote.

Gesellschaftliches Erinnerungshandeln ist ein wichtiger Teil der Selbstverständigungsprozesse von Gemeinschaften und dient der anhaltenden kommunikativen Konstruktion von kollektiven Identitäten. In dieser Kommunikation über Vergangenheit sind Massenmedien und vor allem der Journalismus zentrale Akteure. Angesichts weltweiter Austauschprozesse müssen Kulturen zunehmend als miteinander verflochten betrachtet werden. Individuen bzw. soziale Gruppen weisen – so das Konzept der Transkulturalität – plurale Zugehörigkeiten auf. Der Schwerpunkt der medialen Gedächtnis- und Erinnerungsforschung liegt jedoch bislang auf der Betrachtung von Erinnerungsprozessen im nationalen und regionalen Kontext. Nur selten wird hinreichend reflektiert, dass Erinnerung als Prozess in der Gegenwart vor allem auch für nachhaltiges grenzüberschreitendes, gesellschaftliches Lernen und damit Zukunftshandeln relevant ist. Im Sinne einer Perspektiverweiterung sowohl der (medialen) Erinnerungsforschung als auch Forschung zur transnationalen bzw. transkulturellen Kommunikation ist das Ziel der Forschungsgruppe, gesellschaftliche Erinnerung in und durch Medien im Kontext von Transkulturalisierungsprozessen theoretisch wie empirisch zu analysieren.

Leitfragen sind:

  1. Welche Mechanismen und Merkmale kennzeichnen mediale gesellschaftliche Erinnerungsprozesse in der globalen (transkulturellen) Gesellschaft?
  2. Ist gesellschaftliches Erinnerungshandeln ein Katalysator von Transkulturalisierung und welche Rolle spielen Medien und Journalismus dabei?
  3. Führen allgemeine Transkulturalisierungsprozesse automatisch auch zu transkultureller medialer Erinnerung?
  4. Inwieweit und unter welchen Voraussetzungen kann es, z.B. auf dem europäischen Kontinent, überhaupt gesellschaftliche Erinnerung geben, die über nationale und kulturelle Grenzen hinausgeht?
  5. Wie und wodurch spiegeln sich transkulturelle Erinnerungsformen in medialen Inhalten, deren Produktion und deren gesellschaftlichen Aneignung wider?
  6. Welche Herausforderungen ergeben sich für die mediale bzw. journalistische Praxis und welche (normativen) Anforderungen sind an mediale erinnernde Inhalte zu stellen?

Diese Leitfragen werden in Bezug auf verschiedene Themenfelder untersucht. Aktuell arbeitet die Forschungsgruppe zum Themenfeld „Mediale Erinnerung in Transformationsgesellschaften und (sozio-politischen) Transformationsprozessen“, da Umbruchprozesse besonders sinnstiftend für die kollektive Selbstverständigung und damit zentral für die gesellschaftliche Erinnerung sind. Mit dem Ziel der Delegitimierung der „alten“ Macht- und Herrschaftsverhältnisse auf der einen und der Legitimierung der „neuen“ Ordnung auf der anderen Seite, erfolgt in Transformationsprozessen immer auch eine Umdeutung bzw. Neuausrichtung gesellschaftlicher Erinnerung: Vergangenheit wird alternativ bzw. neu erzählt. Damit bieten gerade gesellschaftliche Transformationsprozesse Möglichkeiten für transnationale bzw. transkulturelle Erinnerungsmuster.

Zu untersuchen ist: Wie wird in Transformationsgesellschaften erinnert, wie verändern sich Erinnerungsprozesse in Zeiten der politischen bzw. gesellschaftlichen Transformation und welche Rolle spielen Medien und Journalismus dabei? Wie wird an Transformationsprozesse und überwundene totalitäre bzw. nicht-demokratische Systeme in verschiedenen Weltregionen erinnert und inwiefern und unter welchen Bedingungen lassen sich hier transnationale bzw. transkulturelle Muster bzw. Bezugspunkte erkennen? Im wiedervereinigten Deutschland, im ehemaligen Ostblock, in den Ländern Nordafrikas und in den ehemaligen Militärdiktaturen Südamerikas sowie mit der aktuellen ökonomischen Krisensituation beobachten wir eine Reihe von Transformationsprozessen, die nicht länger in einer nationalen Rahmung beschreibbar sind, sondern einen transkulturellen Ansatz verlangen.

Mitglieder des Forschungsschwerpunkts:

Prof. Dr. Irene Neverla (Sprecherin); Dr. Hans-Ulrich Wagner (Sprecher);
Dr. Monika Pater; Judith Lohner, M.A.; Dipl.-Journ. Stefanie Trümper, M.A.

Kontakt:

Research Center for Media and Communication
Email: irene.neverla@uni-hamburg.de
Email: h.wagner@hans-bredow-institut.de

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