Ästhetik der Medien
Unsere Arbeitsgruppe befasst sich mit der Ästhetik der Medien, d.h. einerseits mit den verschiedenen Künsten im weitesten Sinne sowie ihrer Wechselwirkung und Konvergenz, andererseits mit der Sinnenhaftigkeit von Medien (und hier sowohl Aufzeichnungs- und Speichermedien und sog. ‚Präsenzmedien’) selbst. Die Schwerpunkte liegen dabei auf zeitgenössischen künstlerischen Praktiken und Formen und damit auf künstlerischen Innovationen als auf Formen der Wahrnehmung und Vermittlung und damit auf der Herstellung sozialen Sinns. Vor allem auch die Verschränkung einer „Ästhetik der Medien“ und einer „medialen Ästhetik“ soll dabei Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Unter Medien werden einerseits Aufzeichnungs- und Speichermedien wie Buch, Video oder Film verstanden, andererseits auch Präzenzmedien wie Sprache und Körper, insofern auch diese Bedeutung tragen und vermitteln. Unter Kommunikation verstehen wir alle Formen der Übertragung, die über ein ‚Drittes’ erfolgt und sinngenerierend sind. Ein zentraler Aspekt einer ‚Ästhetik der Medien’ oder „medialen Ästhetik“ besteht dabei in Fragen
- des poetisch-künstlerischen ‚Sinnüberschusses’, d.h. den zur Inhaltskommunikation hinzutretenden Dimensionen (In einer ästhetischen Auseinandersetzung mit und durch Medien finden sich, im Unterschied zu ihrem rein pragmatischen Gebrauch, 1. andere Formen der Verwendung von Zeichen, 2. Veränderungen und Erweiterungen ihrer Signifikationsmodi und 3. Abweichungen in der (syntaktischen) Kombination oder basaler Einheiten wie z.B. Zeit, Dauer. Mit dieser als ‚Ästhetizität’ zu bezeichnenden Abweichung geht oft eine erhöhte Selbstbezüglichkeit einher, eine Aufmerksamkeit auf den Vorgang des Aussagens/der Expression sowie auf die ‚materielle Substanz’ der Darstellung selbst. Eben dies wird für die Medienästhetik fruchtbar gemacht.);
- der räumlich-leiblichen Kopräsenz zwischen Medium und Rezipient bzw. deren Distanz.
- dem relationalen Gefüge der Kommunikation, die als eigenes „Drittes“ sinnproduzierend wirkt.
Wir suchen Mitwirkende für die Arbeitsgruppe insbesondere aus den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften, die sich mit unterschiedlichen Medien befassen und deren ästhetische, künstlerische Dimensionen in den Blick nehmen wollen.
In dem im Nachgang zur ersten Zukunftswerkstatt des RCMC im Juli 2009 eingereichten Thesenpapier haben wir vier Arbeitsfelder benannt – die leitenden Fragestellungen dieser Arbeitsfelder möchten wir kurz vorstellen.
1. Medialität der Sinne, der Wahrnehmung und des Ausdrucks (Aisthesis)
Körper als Medium der Wahrnehmung (‚Aisthesis’)
- Körper sind, unserem Verständnis nach, nicht nur als Medien zu bezeichnen, insofern sie Zeichenträger- und -übermittler sind, sie sind zugleich auch ‚Rezeptionsmedien’. Gefragt wird daher nach der leiblichen Rezeption von medialer Ästhetik (z.B. durch das Begehen einer Multimedia- oder Videoinstallation, bei der die Bewegung im Raum und die Berührung von Gegenständen unterschiedliche Sinne anspricht (Klang, Licht, Materialität von Objekten...) und der sich bewegende Körper durch seine leibliche Wahrnehmung Sinn rezipiert und durch die Wahrnehmung zugleich erzeugt.)
- In der phänomenologischen Philosophie wurden seit den 1990er Jahren für diese Aspekte insbesondere die Begriffe Aisthesis (als sinnliche Wahrnehmung) und Atmosphäregeprägt.
- Ferner wurde die leibliche Präsenz bzw. Kopräsenz als zentrale Eigenart vieler moderner Künste (besonders Bühnenkünste, Performance; aber auch Installationskunst und interaktive Installationskunst) verstanden und damit die Performativität, d.h. das Faktum, dass Sinn nicht a priori vorhanden ist, sondern sich in der und durch die Wahrnehmung erst erzeugt.
Stimme, Körper, Geste, Bewegung als Ausdrucks- und Kommunikationsmedien
- Wie schon erwähnt, verstehen wird körperliche Ausdrucksdimensionen, z.B. durch Stimme, Gesten oder Bewegung als medialen Ausdruck. Gerade derartige als ‚flüchtig’ geltende Ausdrucksformen sind in jüngster Zeit in den Blick der Kulturwissenschaften geraten, da ihre Rezeption an Zeit und Raum gebunden ist und eine erkenntnistheoretische und methodisch große Herausforderung bedeutet. Körperlicher Ausdruck befindet sich auf der Schwelle von ‚Natur’ und ‚Kultur’ und verhandelt diese Grenze immer auch mit, reflektiert sie.
2. Medialität der zeitgenössischen Künste (Ästhetik)
Durch Medientechnologien entstandene Künste (z.B. Videokunst; experimenteller Film; digitale Tanzkunst; mediale Performances)
- Ein weiterer zentraler Bereich des Arbeitsschwerpunkts sind die durch Neue Medien entstandenen künstlerischen Ausdrucksformen sowie ihre kritische oder auch affirmative Auseinandersetzung mit diesen technischen Innovationen. (Die Videokunst z.B. zeichnet sich durch eine besonders hohe Selbstreflexivität aus; die Künstler benutzen Video nicht nur als Medium, sondern stellen dieses zugleich in Frage oder rekurrieren in ihrer ästhetischen Auseinandersetzung mit dem Medium auf dessen Eigenarten.).
Verhältnis von Medientechniken und „traditionellen“ Künsten (z.B. Literatur und Hörbuch; Tanz und Video; Tanz und Digitalisierung)
- Daran anschließend interessieren uns Fragen des Relation von neuen Medientechniken und ‚traditionellen’ Künsten, wie z.B. Literatur vs. Hörbuch oder Tanz vs. Video. Ein untersuchenswerter Aspekt dabei ist es, inwiefern in neuen Medien alte Medien (modifiziert, verändert) weiterleben (z.B. inwiefern sich Videokunst Techniken der Poesie bedient).
3. Intermedialität / Transmedialität
Mediale Transformationen von Life-Performances, mediales Zusammenwirken verschiedener Künste, Lecture Performances & Intermedialität zwischen bzw. Transmedialität von sog. ‚natürlichen’ Medien (Körpermedien), traditionellen Medien (z.B. Buch) und Medientechnologien in den Künsten
- Unter Intermedialität wird das Verbindungsverhältnis zwischen verschiedenen Medien verstanden, ihre Relation; unter Transmedialität hingegen die Genese von neuen, hybriden Medien, die sich ‚zwischen’ den traditionellen Medien ansiedeln (Beispiel computeranimierter Tanz; digitales Buch).
- Von Interesse sind (inszenierte) Übergänge zwischen natürlichen und/oder traditionellen und Medientechnologien in den Künsten (z.B. setzt das zeitgenössische Theater vielfach Mikrophone und Videokameras ein, wodurch zum einen Seh- und Hörgewohnheiten des Publikums reflektiert werden, zum anderen aber auch unterschiedliche ‚Medienarten’ in Konkurrenz geraten, z.B. die natürliche Stimme mit der medial verstärkten oder veränderten oder Performances, die in einen Theaterraum „live“ aus einem anderen Ort übertragen werden und zeitgleich mit dem, was auf der Bühne vor ort geschieht, ablaufen).
Intermedialität als kulturelle Übersetzung
- Unter diesem Stichwort sollen zwei aktuelle Diskurse zusammengeführt werden. (Intermedialität wurde schon erläutert); unter kultureller Übersetzung verstehen wir alle ästhetischen und/oder medialen Transformationsprozesse, wobei hierbei der Fokus auf den Verschiebungen der kulturellen Codes zu dem vermeintlichen „Original“ liegen. Übersetzung thematisiert zudem die Rolle dieser Transformationen kulturellen Sinns im Zuge von Globalisierungsprozessen. Sie beinhaltet des Weiteren den Anspruch des interkulturellen Austausches und der Verständigung.
4. Zeitkünste und Aufzeichnung
Notation von Bewegung; Fixierung des Flüchtigen (z.B. in Musik, Theater, Bewegung und Tanz) & Formen der Speicherung und der Schaffung von kulturellem Gedächtnis
- Diese Fragestellung knüpft an Diskussionen und Diskurse zu ‚Gedächtnis und Erinnerung’ an, wie sie in den Kulturwissenschaften seit den 1990er Jahren umfänglich geführt wurden. Die durch die digitalen Medien ermöglichten komplexeren Speicherungsformen führen einerseits zur Erweiterung von kulturellem Gedächtnis, andererseits werden aber auch Selektionen sowie Interpretationen vorgenommen (z.B. lassen sich Raumkünste wie Tanz, Theater, Installation schwer aufzeichnen, bzw. durch die Aufzeichnung werden unweigerlich Veränderungen vorgenommen; was derzeit vielfach diskutiert wird und in die Entwicklung neuer Speicher- und Dokumentationsformen mündet.)
Gedächtnisformen des Flüchtigen
- Unter diesem Stichwort soll z.B. bearbeitet werden: der Körper als „Speichermedium“, das Körpergedächtnis als Erinnerungsort; flüchtige Wissenskulturen wie Tanz, Musik.